Schreiben, um das Leben zu ordnen: Autobiografisches, Journaling & Co

Tagebuch, journals, Memoria alles Möglichkeiten, um autobiografisch zu schreiben
Selbst-Reflexion und Stabilität durch Autobiografisches Schreiben (www.unsplash.com)

Haben Sie schon einmal öffentlich zugegeben, dass Sie gerne schreiben? Nein? Ich halte mich da ebenfalls gerne ein wenig bedeckt, habe keine Lust auf das Etikett „überflüssiges Luxushobby.“ Dabei geht es um so viel mehr. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass es ein menschliches Grundbedürfnis ist, Lebenserfahrungen zu ordnen und kreativ zu gestalten. Gefühle und Gedanken benennen zu können, macht glücklich, denn dadurch verstehen wir uns nicht nur selbst besser, sondern können uns auch anderen mitteilen. Klingt abstrakt, ist es aber nicht. Lassen Sie mich zum Einstieg in das Thema von dem Erzähl- und Schreibnachmittag berichten, den ich im Dezember in einem Kölner Altenzentrum angeboten habe.

Autobiografisches Schreiben im Altenzentrum

Anfang Dezember und ich war mehr als nervös, da ich kurz davorstand, ein langgehegtes Vorhaben in die Tat umzusetzen: Ich wollte erneut Fuß in das Seniorenheim setzen, in dem ich früher meinen Vater regelmäßig besucht habe. Diesmal kam ich jedoch nicht als Angehörige, sondern als Dozentin. Und kaum, dass ich die Schwelle überschritten hatte, befand ich mich in einem anderen Kosmos mit einer ganz eigenen Zeitauffassung. So hatte ich das damals empfunden und Ähnliches fühlte ich auch diesmal: Themen wie Schmerz, Krankheit und Tod lagen in der Luft und gingen mit bedingungsloser Liebe, Nähe und Weisheit Hand in Hand. Eine einzigartige Stimmung.

 Der große Gemeinschaftsraum, diesmal weihnachtlich geschmückt, war mir noch vertraut. Einige BewohnerInnen warteten schon auf unsere Kreativ-Stunde und beäugten mich neugierig, andere dösten oder starrten vor sich hin und noch weitere TeilnehmerInnen wurden nach und nach von ihrer Etage in den Gruppenraum gerollt.

 

Unvergessene magische Wörter: Ein Gefühlsarchiv

 Irgendwann saßen wir alle im Kreis und ich fing mit einer Vorstellungsrunde an, indem ich die BewohnerInnen nach ihrer liebsten Jahreszeit fragte. Einige schenkten mir gleich Vertrauen und sagten ein paar Sätze, andere schwiegen erst einmal. Als ich Bilder mit vergangenen Winter- und Weihnachtsszenen auslegte, kam allmählich das erste Interesse auf. „Solche Zöpfe hatte ich auch.“ „Damals gab es nur echte Kerzen am Baum.“ Nach und nach erwärmten sich die Teilnehmer*innen für das Thema. Immer ausführlicher wurden die Schilderungen, was es Heiligabend zu essen gab und welche Geschenke unter dem Weihnachtsbaum lagen. Ich hörte viele Anekdoten über Lieder und Gedichte, die als Pflicht vor der Bescherung dargeboten werden mussten, bis endlich das Glöckchen ertönte, das einem erlaubte, endlich das Weihnachtszimmer betreten und den Stollen anzuschneiden. Es war beeindruckend mitzuerleben, wie Wörter und Bilder zu einem Schlüssel wurden, der eine ganze Schatztruhe voller Gefühle und Erinnerungen aufzuschließen vermochte.

Dass nicht nur erzählte, sondern auch gesungene Worte Zeugnis von vergangenen Zeiten ablegen, wurde mir klar, als ich mit den Senior*innen Weihnachtslieder anstimmte. Ich hatte mir jeweils die erste Strophe der gängigsten Lieder noch einmal angeschaut, war aber alles andere als textsicher. Doch dann merkte ich, dass ich mir keinerlei Sorgen hätte machen müssen. Sobald ich mit dem ersten Vers begonnen hatte, schmetterte ein großartigen Chor an meiner statt weiter. Als ich fragte, ob sich noch jemand an ein altes Weihnachtsgedicht erinnern könne, wurde jede Silbe klar und deutlich intoniert. Keine Frage, das Langzeitgedächtnis der meisten Bewohner*innen funktionierte noch immer einwandfrei. Die alten magischen Wörter gaben ihnen Halt und Sicherheit.

Kreativ schreiben: Medizin gegen Anonymität

 Anschließend legte ich mit einer Vorübung zum kreativen Schreiben los, indem ich die vielen Erinnerungen auf einem Plakat in Form eines Weihnachtsbaums festhielt und erläuterte, wie ein Elfchen funktioniert. Ich zeigte Beispiele, verteilte Papier und Stifte und … hielt verunsichert inne. Mir kam es so vor, als ob die Schreibutensilien einen kleinen Schock auslösten und so überlegte ich schnell, ob ich die BewohnerInnen nicht hoffnungslos überforderte und wir vielleicht besser zusammen ein Gedicht erfinden sollten, anknüpfend an die vielen Erinnerungen. Also tastete ich mich vorsichtig vor: „In der ersten Zeile steht nur ein Wort, oft eine Farbe. Welche Farbe fällt Ihnen ein, wenn Sie an Weihnachten denken?“ Und dann hörte ich die ersten Stifte auf Papier kritzeln. „Rot“ (die Kugeln!) war sehr beliebt, dicht gefolgt von „grün“ (der Baum), an dritter Stelle „weiß“ (der Schnee, den es leider nicht mehr so oft gäbe).

Es war klar, dass ein einziges Gemeinschaftsgedicht nicht in Frage kam. Jeder Bewohner und jede Bewohnerin wollte sich individuell auf seine bzw. ihre Art und Weise ausdrücken. Für mich war dieses Erlebnis ein deutlicher Beweis dafür, dass kreatives Gestalten ein ebenso menschliches wie individuelles Grundbedürfnis ist. Mit mehr oder weniger Unterstützung meinerseits wurden eine Vielzahl einzigartiger Elfchen zu Papier gebracht und anschließend in der Gruppe laut vorgelesen. Ein Gedicht berührte mich dabei ganz besonders: In den ersten Versen wurde wie bei den anderen eine gemütliche Weihnachtsszenerie beschrieben, doch das alleinstehende allerletzte Wort lautete: „traurig.“

Schreiben, um sich mitzuteilen

Auf dem Rückweg tönten noch immer die Weihnachtslieder, die wir gesungen hatte, in meinem Kopf. Ich selbst hatte die Gespräche als sehr anregend empfunden, eine regelrechte Zeitreise, aber noch beeindruckender war es zu sehen, wie sehr die Kreativ-Stunde von den Bewohnern genossen worden war. Sie hatte nicht nur (zum Glück wohl meist schöne) Erinnerungen geweckt, sondern auch die Verbindung zu den anderen Bewohnern gestärkt. Um die Idee des Austausches noch mehr zu betonen, hatte ich schon im Vorfeld mit den BetreuerInnen besprochen, dass die Gedichte auch als Weihnachtsbrief verschickt oder Heiligabend als Geschenk den Angehörigen übergeben werden könnten.

Renaissance des Tagebuchschreiben: Journals als Gegenpol zum Leistungsdruck

Obwohl ich ein Beispiel aus dem Senior*innenheim zum Einstieg gewählt habe, möchte ich den Begriff: “Biografisches Schreiben“ von dem ihm immer noch anhängenden etwas altbackenen Beigeschmack befreien.

Betritt man eine Buchhandlung und sieht die vielen kunsthandwerklich gefertigten Blankobücher in den Regalen stehen, dann wird einem bewusst, dass das autobiografische Schreiben in Form von Tagebüchern und Journals mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Vorbei sind die Zeiten, in denen wir das autobiografische Schreiben hauptsächlich mit jungen Teenagern (dear diary) oder der älteren Generation (Memoria verfassen) verbinden. Heutzutage gibt es sogar in ganz normalen Schreibwarengeschäften eine große Auswahl an sogenannten Journals zu verschiedenen Schwerpunkten: Vom Glückstagebuch bis hin zum Powerjournal.

Biografisches Schreiben liegt somit zweifelsfrei im Trend. Ich nehme an, dass die Renaissance des achtsamen Tagebuchschreibens auch etwas damit zu tun hat, dass wir das Bedürfnis haben, dem Hochgeschwindigkeitsdruck des Alltags etwas entgegenzusetzen.

Autobiografisches Schreiben entlastet: Wissenschaftliches

Schon in den 1980er Jahren hat der Psychologieprofessor James W. Pennebaker die Auswirkungen des expressiven Schreibens auf die Gesundheit wissenschaftlich in mehreren Studien untersucht. Die Ergebnisse sind eindeutig: regelmäßiges Schreiben führt sowohl zu seelischem Wohlbefinden als auch nachweisbar zu besserer körperlicher Gesundheit. Wir würden dafür heutzutage vermutlich die modernen Begriffe „Salutogenese“ und „Resilienz“ verwenden. Pennebaker spricht von „Schreibinterventionen“, die in besonders belastenden Situationen helfen. Das Erstaunliche daran ist, dass er schon Erfolge bei sehr kurzen Schreibzeiten nachweist. Ihm zufolge führt schon eine halbstündige Schreibsession an drei bis fünf aufeinanderfolgenden Tagen zu einer positiveren Lebenseinstellung.

 Achtung: Das gilt nur für Schreiblustige mit, nennen wir es mal, durchschnittlichen Problemen. Schreiben im Zusammenhang mit anerkannten Krankheitsbildern bedarf natürlich auf jeden Fall der Anleitung medizinisch-psychologisch geschulter Fachleute.

Autobiografisches Schreiben macht glücklich: Dynamisch schreiben, dynamisch leben

Neben dem Führen eines Journals (journaling) zur inneren Stabilisierung, gibt es auch noch die Möglichkeit, Tagebuchschreiben als Inspirationsquelle für kreative Texte zu nutzen. Und so gebe ich als Kölner Schreibberaterin in meinen Seminaren zum literarischen Schreiben dem Biografischen gern Raum, da die Wörter der Teilnehmenden dadurch viel kraftvoller und authentischer werden. Ein tolles Tool dafür sind die von Julia Cameron entwickelten Morgenseiten, ein fest ritualisiertes assoziatives Freewriting, mit dem wir uns selbst erforschen können und so auf frische künstlerische Ideen kommen.

 Ich finde es naheliegend, Elemente des autobiografischen Schreibens auch beim literarischen Schreiben zu verwenden. Etwas, das wir erlebt haben, können wir beispielsweise zu einem literarischen Plot weiterentwickeln, indem wir das innere Erleben mit einer äußeren Handlung verknüpfen. Im Grunde genommen liegt beides nahe beieinander, denn letztendlich beruht jede überzeugende Story auf einem Konflikt, der gelöst werden muss. Oder anders ausgedrückt: Wären alle Protagonisten von Anfang an glücklich, gäbe es nichts Erzählenswertes mehr zu berichten. Insofern möchte ich Sie, liebe LeserInnen, zu einem Selbstversuch ermuntern: Probieren Sie doch einmal, Ihre schlechten Erinnerungen als Dünger für eine gute Story zu nutzen. Und falls Sie das schon einmal gemacht haben, dann würde ich mich freuen, unten im Kommentar etwas darüber zu lesen.

Zum Weiterlesen:

Heimes, S. „Schreib es dir von der Seele: Kreatives Schreiben leicht gemacht“, Göttingen, 2015

Heimes, S./Rechenberg-Winter, P./Haußmann, R. (Hg.) „Praxisfelder des kreativen und therapeutischen Schreibens“, Göttingen, 2013

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade #schreibenueberdasschreiben: https://stephaniemueller.net/2019/06/schreibenueberdasschreiben-eine-blogparade/

Falls Ihnen der Beitrag über autobiografisches Schreiben gefallen hat, finden Sie vielleicht auch diesen Beitrag über Kreativität als Lebensstil interessant:

https://sigrun-dahmer.de/kreativitaet-als-lebensstil/

4 Antworten auf „Schreiben, um das Leben zu ordnen: Autobiografisches, Journaling & Co“

  1. Liebe Sigrun,

    ganz herzlichen Dank für diesen schönen Beitrag. Die Szenen aus dem Altenheim kann ich nur durch eigene Erfahrungen bestätigen und sie sind immer wieder emotional und mitreißend.
    Und das Thema des Biografischen Schreibens als Ausgleich zum stressreichen Alltag finde ich einen wirklich interessanten Gedanken und er macht mir einiges deutlich.

    Viele Grüße
    Stephanie

  2. Liebe Sigrun, nun bin ich endlich dazu gekommen, Deinen langen Blogbeitrag zu lesen. Der Teil aus dem Altenheim hat mich sehr berührt, nicht nur, weil ich bei meinen alten Eltern das Bedürfnis sehe, ihre Geschichten jetzt endlich aufzuschreiben und immer weiter in Erinnerungen abzutauchen. Sondern weil auch ich mit zunehmendem Alter beginne, über lange zurückliegende Zeiten meines Lebens nachzudenken, alte Weg, etwa aus der Schulzeit, noch einmal zu gehen.
    Daran knüpft der zweite Teil Deines Textes an. Ich habe zwar nie Tagebuch geschrieben, entdecke aber bei mir zunehmend das Bedürfnis, (Familien)geschichten aus meinem Leben zu erzählen. Dazu nutze ich mein Blog, wo ich ab und zu so etwas einstreue. https://pyrolim.de/pyrocontra/dresden-1945-der-tag-als-der-geheimrat-verbrannte/
    Mein Schreiben im Blog ist eine Mischung aus autobiographischem Schreiben (mit sehr viel Distanz, da ja öffentlich), Berichten über Erlebnisse und zum Zeitgeist. Für mich genau die richtige Form.

    1. Liebe Susanne,
      danke für deinen Kommentar. Ich habe auch schon öfters die Behauptung gelesen, dass ein Blog ein modernes digitales Tagebuch sei. Genau wie du bin ich da anderer Ansicht. Das Besondere am privaten Tagebuch ist der persönliche Schutzraum. Ein öffentlicher Blog funktioniert für mich ganz anders. Hmmm, vermutlich so in der Richtung, dass ich das, was ich individuell erlebt habe so bearbeite, dass es etwas Universelleres ausdrückt, mit dem auch Andere etwas anfangen können. Spannendes Thema jedenfalls.
      Beste Grüße
      Sigrun

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