Gags schreiben: Welcher Witz für wen?

Kennen Sie den? Gast zum Kellner: „Zahlen!“ Kellner zum Gast: „Buchstaben.“

Witzig? Finde ich schon. Aber mit Humor ist das so ne Sache. Manchmal lacht man über jeden Quatsch, einfach, weil es jemand so lustig rüberbringt und dann gibt es Tage, da bekommt niemand meine Mundwinkel zum Zucken. Wenn das mit dem Lachen so unlogisch ist (und das ist ja bereits der halbe Spaß) wie bekommt man es dann hin, auch noch Gags für andere zu schreiben? Und warum sollte man das überhaupt wollen?

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Gagschreiber wissen: Lachen tut gut: Schafft Distanz und entlastet. (www.pexels.com)

Lachen befreit und belebt

Dass Lachen als Druckventil dient und somit gut für die Psyche ist, wissen wir seit langem. Durch Humor schaffen wir Distanz zu einer Situation und deuten sie in unserem Sinne um, was uns stärkt und Kraft gibt. Außerdem macht Lachen einfach Spaß und schweißt zusammen. Und was haben Gags mit Schreibberatung zu tun? Sie lockern auf, unterhalten, öffnen dem Lesenden eine Tür zu dem, was wir vermitteln möchten.

In einem meiner letzten Beiträge über Geburtstagsansprachen hieß es, dass viele RednerInnen Angst hätten, sie würden die Zuhörer langweilen http://sigrun-dahmer.de/ein-hoch-auf-geburtstagsreden/. Ein Wortspiel oder ein gut platzierter Gag schafft hier zum Beispiel schnell Abhilfe.

„Comic Relief“: Shakespeare — ein Comedian?

Und auch beim Schreiben längerer Texte ist ein sogenannter „comic relief“ ein ziemlich raffinierter Kunstgriff. Eine witzige Anekdote im ansonsten vielleicht eher bedeutungsschweren Werk hilft dem Publikum durchzuhalten, da es sich zwischendurch entspannen und Luft holen kann, bevor ihm dann umso intensiver wieder der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Das clevere Spiel mit Anspannung und Entspannung kann man unter anderem in Shakespeares Theaterstücken bewundern. Der englische Dramatiker war ein wahrer Meister, was den Wechsel von ernsten und lustigen Szenen angeht.

Wie funktionieren Gags?

Es gibt mehrere Arten von Gags.

  • Normalerweise beginnt ein Joke mit einem Set-Up: „Kommt ein Mann zum Arzt …“ Fünf Wörter und der Schauplatz steht, Erwartungen werden geweckt.

 

  • Als nächstes folgt ein Spruch (wie zum Beispiel der in der Einleitung genannte: „Zahlen!“).

 

  • Jetzt kommt die Pointe, der Bruch. Es passiert nicht das, was wir erwarten, sondern etwas anderes. Je höher die Fallhöhe, desto spaßiger (wie der oben erwähnte Kellner, der dem Gast Manieren beibringt).

Schlechte Witzeerzähler brauchen einen langen, langen Anlauf, geübte Spaßmacher benötigen für eine gute Pointe manchmal sogar nur eine Zeile: „Ich habe ein Brötchen angerufen, aber es war belegt.“ Oha, nicht Ihr Humor? Ich befürchte Non-sense-Witze mag man oder hasst man. Das bringt uns gleich zum nächsten Punkt:

Sind Gags politisch korrekt?

Dünnes Eis, ganz dünnes Eis.

Was meiner Meinung nach problematisch ist, sind Witze von oben nach unten, in denen jemand bzw. eine Randgruppe lächerlich gemacht wird. Auch Schadenfreude hört sich erst einmal nicht sonderlich sympathisch an, obwohl viel Slapstick und Klamauk auf dieser Schiene läuft. Meine ehemaligen Mitbewohner haben früher manchmal Tränen gelacht, wenn so ein Unsinn im Fernsehen lief und haben sich als politisch korrekte Studierende anschließend dafür entschuldigt, dass sie so etwas überhaupt lustig fanden …

Wie kommt man auf eine gute Pointe?

Die Profis behaupten durch Üben. Angeblich könne man Komik trainieren, indem wir unser Ohr für Doppeldeutigkeiten schulen, uns absurde Brüche überlegen, die wir dann gnadenlos bis ins Extreme übertreiben. Wichtig ist es, um die „Ecke denken“ zu können, unübliche Perspektiven einzunehmen, ein übliches Handlungsmuster in sein Gegenteil zu verkehren. Im Prinzip scheint auch Humor viel mit divergierendem Denken http://sigrun-dahmer.de/kreativitaet-als-lebensstil/ zu tun zu haben.

Übungen zum Gagschreiben:

Situationen mit eng vorgegebenen Rollenerwartungen bilden ein gutes Set-Up. Nicht nur, weil durch sie nicht viel erklärt werden muss, sondern auch, weil übliche Routinen gut ad absurdum geführt werden können. Achten Sie in Ihrem Alltag auf solche Standards: Im Restaurant, an der Bushaltestelle, beim Arzt, an der Grenze, im Büro, im Museum, bei der Fahrschule, im Kino … Ihnen fällt sicherlich so einiges ein.

  • Wortwitze und Doppeldeutigkeiten. Sammeln Sie bewusst übliche und ausgefallene „Teekesselchen.“ Mein Tipp: Lernen Sie von der Werbung. Man mag zu ihr stehen wie man will, aber Werbesprüche und Filme sind eine wahre Fundgrube an Sprachspielen.

 

  • Halten Sie z.B. beim Schauen von Videos oder beim Lesen von Zeitungsberichten Ausschau nach ungewöhnlichen Menschen, Krankheiten, Talenten.

 

  • Aktualität kommt immer gut an: Halten Sie sich auf dem Laufenden, was die angesagten Trends und Themen sind.

 

  • Lauschen Sie! In der Straßenbahn oder im Zug kommen wir oftmals nicht drum herum, an den Gesprächen unserer Sitznachbarn teilnehmen zu müssen. Ärgern Sie sich nicht länger darüber, sondern nutzen Sie das für Forschungszwecke aus.

 

  • Schauen Sie, wie es die Profis machen, wen finden Sie lustig? Warum? Es ist hilfreich, sich klarzumachen, dass man einen guten Gag selbst nicht lustig finden muss. Profi-Gag-Schreiber kreieren Witze nicht für sich selbst, sondern sie schauen, welche Art von Humor zu welchem Performer (oder Radiosprecher etc.) und zu welchem Publikum passt.

 

  • Humor kann für einige ein Brotberuf sein (wer die nötigen Connections in der Medienwelt aufgebaut hat, zuverlässig liefert und sich ein dickes, dickes Fell zulegt, verdient nicht einmal schlecht).

 

Mehr als Gags schreiben: Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Dieser Spruch hing über dem Frühstückstisch meiner Großeltern und ich habe als Kind Ewigkeiten über seine Bedeutung nachgegrübelt. Heute gefällt er mir. Mit Humor lässt sich alles besser ertragen und einen Funken Witz in einer Situation zu finden, die überhaupt nicht lustig ist, darin besteht wahre Lebenskunst.

Meiner Meinung darf es heutzutage vor allem bei Humor gern ein bisschen mehr sein: Mehr Verrücktheit, mehr Schlagfertigkeit und noch viel mehr bunte Vielfalt in allen Lebenslagen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein heiteres 2019.

 

4 Antworten auf „Gags schreiben: Welcher Witz für wen?“

  1. Die Macht eines Buchstaben

    Ein Ehepaar sucht die Sonne und reist in den Süden. Der Mann aus beruflichen Gründen voraus, die Frau einen Tage später.
    Vom Hotel am Zielort schickt er eine E-Mail an seine Gattin. Bei der Adresse vergisst er einen Buchstaben.
    Die Mail landet bei einer Witwe, die ihren Mann soeben beerdigt hat. Sie blickt Zuhause
    in den Computer, um Beileidsbekundungen zu lesen.
    Ihr Sohn entdeckt sie später ohnmächtig am Boden liegend. Auf dem Bildschirm steht:
    Hallo Liebste.
    Bin angekommen. Habe mich schon eingelebt. Deine Ankunft für morgen ist vorbereitet. Ich wünsche Dir gute Reise, Dein Mann.
    PS: Verdammt heiß hier unten!

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