Kreativ schreiben: Spinnerei oder Kunst?

Kreatives Schreiben, Selbstfürsorge, Resilienz, Bibliotherapie
Kreatives Schreiben fördert die Fantasie – stockphoto: creative commons –

Das Kreative Schreiben verschafft uns die Möglichkeit, mit dem Stift (oder der Tastatur) auf Reisen zu gehen. Auf Reisen im Kopf. Doch was soll das? Handelt es sich dabei um Spinnerei oder gar Eskapismus? Oder sollten wir hier eher von Kunst oder zumindest von Horizont-Erweiterung sprechen?

Erschreiben Sie sich einen kreativen Platz zwischen den Welten

Das Kreative Schreiben regt unsere Fantasie an und kann uns an Plätze versetzen, die es so gar nicht gibt. Dadurch erfahren wir Neues und entdecken Unbekanntes.

Obwohl wir etwas erfinden, greifen wir dafür jedoch in der Regel auf etwas Vertrautes zurück, das wir in der Realität erlebt haben. Doch wir beschreiben diese Erlebnisse nicht dokumentarisch, sondern schmücken sie aus, lassen Unwichtiges weg oder verfremden sie. Kurz: Wir gestalten schreibend unsere Eindrücke und können sie dadurch verarbeiten. Und gerade diese Schnittstelle zwischen Heimweh (die Verankerung in der Realität) und Fernweh (die Suche nach etwas Neuem) macht das Kreative Schreiben so besonders … und so wertvoll.

Kasper Spinner, ein bedeutender Germanist und Pädagoge aus der Schweiz, stellt drei interessante Gelingensbedingungen für das Kreative Schreiben auf:

  • Irritation (stereotypische Denkschablonen werden durchbrochen)
  • Expression (das subjektive Empfinden steht im Vordergrund)
  • Imagination (die Texte bleiben nicht auf die individuelle Wirklichkeit beschränkt)

Spice up your life: Schärfen Sie schreibend Ihre Sinne

Wenn wir auf der Suche nach kreativen Geschichten sind, erleben wir die Welt um uns herum intensiver. Wir achten bewusster auf das, was wir sehen, hören und fühlen.

Gerade schreibe ich zum Beispiel an einer Geschichte, die im Herbst spielt. Ich möchte, dass meine Leser*innen die Jahreszeit zwischen den Zeilen auch spüren können. Aus diesem Grund verhalte ich mich aufmerksamer als sonst. Das merke ich zum Beispiel morgens auf dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit. Ich achte auf den Atem, nehme die feuchte Luft, die deutlich nach Laub und Erde riecht, ganz besonders intensiv wahr und schaue mir, während ich durch den Stadtwald radele, ganz genau an, welche Farbtöne ich in meiner Umgebung ausmache.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich kann für mich sagen, dass meine Sinne oft geschärft sind, wenn ich an einem neuen kreativen Schreibprojekt arbeite.

Kreatives Schreiben schafft Distanz

Gleichzeitig habe ich aber bei mir auch schon das genau gegenteilige Verhalten beobachtet: Manchmal fühle ich mich beim Arbeiten an einer Geschichte eben gerade nicht hautnah mit dem Leben verbunden, sondern habe eher das Gefühl, dass ich mich durch das Schreiben von den Geschehnissen um mich herum distanziere. Ja, das kann durchaus schon ein wenig in Richtung Eskapismus gehen. Allerdings hat das für mich weniger mit instinktiver Weltflucht, sondern mehr mit einem gesunden Abstand zum Alltag, mit dem Entdecken einer gewissen Meta-Ebene, zu tun.

Wenn ich kreativ schreibe, empfinde ich viele alltägliche kleine Ärgernisse als weniger dramatisch oder bedrohlich. Ich schätze sie dann oftmals eher als lustig oder skurril ein. Nicht selten inspirieren sie mich zu storys oder zumindest zu witzigen Abschnitten in einem Roman. Auch andere Autor*innen haben mir von ähnlichen Erfahrungen berichtet. Dementsprechend  habe ich vor einiger Zeit auch einmal ein Seminar zum autobiografischen Schreiben mit dem Titel:  „Schlechte Erfahrungen als Dünger für gute Geschichten nutzen“ versehen.

Kreatives Schreiben kann somit durchaus ein effektives Mittel der Selbstfürsoge sein, da es unsere Resilienz stärkt. Wer sich dafür interessiert, dem empfehle ich, sich auch einmal mit Bibliotherapie und Poesietherapie zu beschäftigen. Zum Einstieg eignen sich zum Beispiel die Bücher von Silke Heimes (einen Buchttipp finden Sie unten).

Alles eine Frage der Perspektive: Die Welt mit anderen Augen sehen

Kreatives Schreiben führt nicht direkt zur hohen Literatur und großen Kunst. Dazu sind handwerkliches Können, viel Übung, ein aussergewöhnliches Talent und eine riesige Portion Glück vonnöten.

Meiner Meinung nach ist es aber auch nicht unbedingt erstrebenswert, das e-i-n-e weltbewegende Meisterwerk schreiben zu wollen. Was ich persönlich viel wichtiger und erstaunlicher finde, ist, wie bedeutend das Kreative Schreiben für unsere eigene Persönlichkeitsentwicklung sein kann: Es lehrt Offenheit für uns selbst und andere und hat dadurch das Potential, unseren Horizont zu erweitern.

Eine klassische Methode des Kreativen Schreibens ist beispielsweise der Perspektivwechsel. Diese Technik hilft uns, uns emphatisch in möglichst viele Figuren hineinversetzen zu können. Meiner Meinung nach handeln die besten Bücher von der Persönlichkeitsentwicklung eines Protagonisten. Als Leser*innen freuen wir uns, die Helden auf ihren Entwicklungs-Wegen zu begleiten und mitzuerleben, wie sie unterwegs Wichtiges auf ihrer Heldenreise lernen.

Um als Autor*innen Figuren, die Protagonisten ebenso wie die Antagonisten, so zu beschreiben, dass sie glaubwürdig sind, müssen wir uns in andere Menschen und in andere Sichtweisen hineinversetzen. Erst, wenn wir uns authentisch auf uns selbst und auf unsere Mitmenschen einlassen, uns mit unseren und ihren Bedürfnissen und Ängsten vertraut machen, können wir überzeugende Charaktere schaffen.

Klingt logisch, oder? Damit dürfte der Vorwurf, dass Kreatives Schreiben nichts anderes als Eskapismus wäre, meiner Meinung nach grundsätzlich widerlegt sein. Oder sehen Sie das anders? Wenn ja, dann schreiben Sie das bitte (im Sinne der Offenheit und des Perspektivwechsels … 😉 ) in die Kommentare.

Lesetipp:

Heimes, S. (2015): Schreib es dir von der Seele. Kreatives Schreiben leicht gemacht.  Göttingen: 3.Auflage: Vandenhoeck & Ruprecht.

Quelle:

Spinner, Kaspar H. (1994): Anstöße zum kreativen Schreiben. In: Christiani, Reinhold (Hg.): Auch die leistungsstarken Kinder fördern. Stuttgart: Klett Verlag. 46-60.

Wem dieser Artikel gefallen hat, den könnte auch folgende beiden Posts interessieren:

Schreiben, um das Leben zu ordnen: Autobiografisches, Journaling & Co

Kreativität als Lebensstil: Mindset und Zutaten

Beziehungen pflegen: Schwieriger oder leichter als vor Corona?

 

Beziehungen Corona leichter oder schwieriger
Corona hat Beziehungen auch gestärkt (stockphoto@unsplash).

Corona: Nicht nur ein Beziehungskiller

Wir alle sehnen uns nach erfüllenden Beziehungen, nach Nähe, Vertrauen und Zuversicht. Wir möchten uns austauschen, wollen verstanden werden. Kurzum, als soziale Wesen fühlen wir uns in der Regel am wohlsten, wenn wir unsere Erfahrungen mit anderen teilen können.  Und dann kam Corona: Social Distancing, eingefrorene Bilder, stockender Ton.  Plötzlich sahen wir uns gezwungen, unsere persönlichen Beziehungen auf eine sehr begrenzte Notbesetzung von Menschen herunterzufahren. Eine Katastrophe, die uns alle noch lange traumatisieren wird? Ja, schon auch, aber nicht nur! „Beziehungen pflegen: Schwieriger oder leichter als vor Corona?“ weiterlesen

Mein erster Podcast: In 5 Schritten zum Konzept

erster Podcast in 5 schritten ist Kommunikation, Konzept und Dialog sind wichtig
Ein Podcast ist wie ein Gespräch mit den Zuhörer*innen.

Ihr erster Podcast: Konzept

Sie wollen unter die Podcast-Macher*innen gehen? Ein Konzept planen und die erste Folge erstellen? Herzlichen Glückwunsch! Schön, dass Sie sich auf etwas Neues einlassen. Obwohl es Podcasts schon seit sehr vielen Jahren gibt, erlebt dieses Format gerade einen unglaublichen Boom:

Man schätzt, dass mittlerweile fast jeder dritte Mensch in Deutschland „Mein erster Podcast: In 5 Schritten zum Konzept“ weiterlesen

So geht Buch-PR: Gelesen werden!

Selbstmarketing Werbung für Ihr Buch Buch-PR
Hacks für Ihre Buch-PR

Sie haben mit viel Herzblut und unter großem Zeitaufwand ein Buch geschrieben. Herzlichen Glückwunsch! Natürlich möchten Sie, dass Ihr Buch auch gelesen wird. Doch wie geht Buch-PR? Ihr Werk nur irgendwie aus dem Bauch heraus zu promoten, ist nicht gerade erfolgsversprechend. Hier also die wichtigsten basic facts, die Sie über Buch-PR wissen sollten. Als Überraschung wartet übrigens am Ende des Posts ein goodie auf Sie …

„So geht Buch-PR: Gelesen werden!“ weiterlesen

In der cloud muss die Bildung wohl grenzenlos sein

BarCamps rock: Impressionen vom digitalen BarCamp 2020

Digitale Bildung: Online Barcamp 2020 zum Thema Bildung
Bildungs-BarCamp in der Cloud: Kann das gut gehen? pexels-photo@n.rakicevic

Als großer Fan vom BarCamp-Konzept finde ich, dass BarCamps einfach rocken. Schon in einem meiner allerersten Blogposts habe ich mich diesbezüglich geoutet und beschrieben, wie ich ihrem anarcho-demokratischen Charme erlegen bin: BarCamp Köln 2017: Mein erstes Mal In diesem seltsamen Corona-Jahr ging das Ganze noch one level up: Wegen der Pandemie lief das diesjährige Bildungs-BarCamp digital ab. Das hatte viel Schönes und viel (zum Teil auch unfreiwillig) Lustiges. Geht nicht, gibt`s nicht. Oder doch?

„In der cloud muss die Bildung wohl grenzenlos sein“ weiterlesen

Corona und die deutsche Sprache: Rhetorik & Zeitgeist

Dass in parkenden Autos der Mundschutz am Rückspiegel baumelt, empfinden wir schon nicht mehr als ungewöhnlich. Doch das ist nicht alles. Das Corona-Virus hat auch unsere Sprache fest im Griff. Lust auf Skurriles? Hier kommen ein paar launische Schlaglichter auf die Corona-Sprache.

Corona und Sprache: Der Zeitgeist hat Einfluss auf Sprachwandel, Rhetorik
Die “Coronisierung” von Sprache & Kommunikation (www.pexels.com)

Corona-Sprache: Der oder das Virus?

Es geht los mit der Frage nach dem richtigen Artikel. Heißt es der oder das Virus? Kurze Antwort: Beides geht. Lange Antwort: In der medizinischen Fachsprache ist das grammatische Geschlecht (wie auch im Lateinischen) ein Neutrum und so sagt man: „das Virus.“ In der Alltagssprache wird aber von vielen Sprecher*innen lieber der männliche Artikel verwendet. Warum? Aus purer Macht der Gewohnheit, da auf „-us“ endende Nomen bei uns üblicherweise nicht sächlich sind. Weil der männliche Artikel mittlerweile so häufig gebraucht wird, öffnet sich selbst die Dudenredaktion dieser Spracherneuerung und akzeptiert „der Virus“ (außerhalb der Fachsprache) ebenfalls als korrekt.

Das exponentielle Wachstum der Corona-Fachsprache

Wenn wir uns über medizinische Sachverhalte austauschen, ist die Frage nach dem richtigen Artikel noch unser kleinstes Problem. Hand aufs Herz: „Corona und die deutsche Sprache: Rhetorik & Zeitgeist“ weiterlesen

Stage-fright? Stop Being Cruel To Yourself.

Rapid heartbeat, sweaty palms, squeaky voice and racing thoughts. Those are the common symptoms of stage-fright. I am sure you know what I am talking about. They say around 75% of the population suffer from pre-performance anxiety. Here is what you can do to stop feeling like a nervous wreck.

stage-fright and stage-anxiety
This picture is a nightmare for those who suffer from stage-fright.

Stage anxiety: what`s at stake?

Why do competent speakers suddenly start acting awkward, getting lost in their own presentation? Well, basically, the answer is quite simple. „Stage-fright? Stop Being Cruel To Yourself.“ weiterlesen

Reden kürzen, ohne sie zu kastrieren

Rede kürzen ohne sie zu kastrieren
Als Speaker im Rampenlicht (@Tye Doring on unsplash)

Es gibt viele Gründe, Reden zu kürzen:

Das Publikum ist ausgelaugt, der Zeitplan bereits völlig überzogen, das Essen wird kalt, technische Probleme drängen zur Eile. Grausam, aber wahr: Für Sie als Redner*in ist nun die Zeit gekommen, sich von Ihrem geliebten Meisterwerk zu verabschieden, zumindest von einigen Teilen. Aber von welchen? Wie kürzt man sinnvoll, ohne die eigene Rede zu kastrieren?

„Reden kürzen, ohne sie zu kastrieren“ weiterlesen