Reden kürzen, ohne sie zu kastrieren

Rede kürzen ohne sie zu kastrieren
Als Speaker im Rampenlicht (@Tye Doring on unsplash)

Es gibt viele Gründe, Reden zu kürzen:

Das Publikum ist ausgelaugt, der Zeitplan bereits völlig überzogen, das Essen wird kalt, technische Probleme drängen zur Eile. Grausam, aber wahr: Für Sie als Redner*in ist nun die Zeit gekommen, sich von Ihrem geliebten Meisterwerk zu verabschieden, zumindest von einigen Teilen. Aber von welchen? Wie kürzt man sinnvoll, ohne die eigene Rede zu kastrieren?

Schlechte Redner*innen kleben beim Kürzen an Fakten

Ein ungeübter Speaker plant eine Rede um die Sachinformationen herum. Wenn die Zeit knapp wird, zählen nur Fakten und Argumente, alles andere wird als überflüssiger Schnickschnack ersatzlos gestrichen. Geübte Redner*innen hingegen kleben nicht an den Informationen. Sie wissen um die Wichtigkeit von Pausen, Beispielen und der Interaktion mit dem Publikum, denn all das sind die Stellen, an denen nicht nur der Verstand angesprochen wird, sondern auch die Emotionen. Wer ausgerechnet die wenigen anschaulichen, lebendigen Passagen dem Zeidruck opfert, ist somit schlecht beraten.

Gute Redner*innen kürzen adressatengerecht

Redner*innen mit Erfahrung denken adressatengerechter: Sie wollen ihr Publikum ganzheitlich ansprechen. Einen massiven Block aus Fakten und Argumente werden die Zuhörer*innen sich nicht merken können, denn sie brauchen Ruhepunkte, um das Gehörte zu verdauen und sie benötigen Abwechslung, um dem Speaker weiterhin motiviert folgen zu können. Besonders erfolgreich sind diejenigen, die bereits bei der Planung Zeitpuffer mit einbeziehen. Zu einer optimalen Redevorbereitung gehört es, nicht nur eine Reserve zum Verlängern, sondern auch mögliche Sollbruchstellen zum Kürzen in petto zu haben.

Studie betont die Wirksamkeit von Ausdrucksstärke

Schon Ende der 1960er Jahre fand Mehrabian, ein Psychologieprofessor, heraus, dass uns der Inhalt einer Aussage weit weniger nachhaltig beeindruckt als die verwendete Körpersprache. Die Art der Darstellung, wie z.B. die nonverbale Kommunikation und die Stimmführung, ist das, was bei den Zuhörenden letztendlich „hängenbleibt“. Der allgemeine Ausdruck beeinflusst das Publikum somit schneller und langfristiger als das bloße Nennen von Fakten. Das hängt vermutlich mit der Evolution und der Unterscheidung zwischen schnellem und langsamem Denken zusammen.

Schnelles und langsames Denken

Evolutionär gesehen war es früher überlebenswichtig, seinen Mitmenschen innerhalb kürzester Zeit richtig einschätzen zu können. Solche schnellen Beurteilungen finden im limbischen Teil unseres Gehirns statt. Freund oder Feind? Flucht oder Angriff? Beim ersten Eindruck geht es um sekundenschnelles Etikettieren. Und erst, wenn wir merken, dass keine Gefahr vom anderen ausgeht, können wir uns auf verbale Botschaften einlassen. Erst jetzt nehmen wir uns die Zeit, unser Gegenüber besser kennenzulernen. Erst jetzt sind wir bereit dafür, uns auf komplexere Gedankengänge einzulassen.

Kürzen Sie im Mittelteil der Rede!

Die Bedeutung des Anfangs und des Endes der Rede dürfen also nicht unterschätzt werden. Kürzen Sie nicht den ersten Teil der Rede, denn er ist wichtig, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und ebenso wenig im letzten Teil, in welchem die Kernaussage noch einmal ganz besonders intensiv und eindringlich auf den Punkt gebracht wird. Entfernen Sie lieber vorsichtig ein, zwei schwächere Argumente aus dem Mittelteil.

Rapport mit dem Publikum aufbauen

Es ist wichtig, emotionale Stilmittel bewusst einzusetzen, um den Rapport mit dem Publikum zu intensivieren: Wir erzählen Anekdoten, betonen Wichtiges, stellen anschauliche Einzelbeispiele vor, zeigen Bilder, stellen Fragen, plaudern mit einem Experten, erstellen ein Stimmungsbild. Doch die Erkenntnis um die Notwendigkeit einer emotionalen Ansprache darf uns andererseits auch nicht dazu verleiten, unsere Rede bei Zeitdruck auf sofort verständliche oberflächliche Reize zu reduzieren.

Zum ballaststoffreichen Gedankenfutter überleiten

Stellen wir uns vor, wir hielten tatsächlich gerade eine Rede. Die Zeit wird knapp, wir müssen kürzen. Dennoch entscheiden wir uns dazu, uns nicht hetzen zu lassen. Die Einleitung bleibt so, wie sie ist. Und dann, sobald wir die Aufmerksamkeit der Zuhörer*innen geweckt, eine positiv konzentrierte Atmosphäre hergestellt haben, gehen wir einen Schritt weiter. Im Mittelteil ist das Publikum nun bereit für gewichtiges kognitives Gedankenfutter mit vielen Ballaststoffen. Jetzt ist die Zeit für wenige, aber qualitativ starke Argumente und Sachinformationen gekommen. Nach dem Abwägen verschiedener Standpunkte und dem wie geplant dargebotenen Fazit mit abschließender Handlungsaufforderung läuft unsere Redezeit trotz vorgenommener Straffung dennoch gnadenlos aus …

Rede nicht kastrieren, sondern polieren

Macht nichts. Ziel erreicht. Die gekürzte Rede war dennoch gut. Wir haben schwächere Argumente und weniger gehaltvolle Sachinformationen gestrichen, ohne dass die Rede Schaden genommen hat. Die wesentlichen Informationen und die grundsätzliche Botschaft haben darunter nicht gelitten. Der Applaus zeigt uns, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Besser an den Fakten im Mittelteil kürzen statt an dem vermeintlichen „Schnickschnack“ am Anfang und Ende. Eine Rede ist wie ein Cocktail: Das Geheimnis liegt im richtigen Mischverhältnis.

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Spannend schreiben kann man Lernen. Von Krimi-Profis. Clinton und Pettersons Thriller "president is missing." Spannend schreiben: wie geht das? Ein Bestseller als Rezeptvorlage.


Sommerferien, endlich. Köln ist leer. In der Hitze schleppe ich mich zur Niehler Bucht, lege mich auf den Sandstrand und tauche für die nächsten Stunden in den Bestseller „The president is missing“ ab. Chapeau: Bill Clinton & James Patterson haben da einen echten Pageturner zu Papier gebracht. Schon nach dem ersten Kapitel habe ich vergessen, dass ich dringend Sonnencreme auftragen müsste und das, obwohl ich, ehrlich gesagt, gar nicht so irre auf Spionagethriller stehe. Noch weniger mag ich es, die Welt ein wenig altbacken erklärt zu bekommen. Dennoch. Fakt ist: Ich kann ich das Buch nicht aus den Händen legen. Es ist einfach verdammt mitreißend geschrieben. Woran liegt`s? Was sind die Zutaten spannender Schreibe? Oder anders gefragt: Was ist schuld an meinem Sonnenbrand?

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Wörter als Geschenk: Ein Hoch auf Geburtstagsreden!

Wörter der Wertschätzung bei Geburtstagsreden und Ansprachen
Geburtstagsreden: Wörter als unvergessliches Geschenk (stockfoto: www.pexels.com)

„Ähm, ich will Euch nicht mit einer Rede langweilen … das Buffet ist eröffnet!“ Schade eigentlich. Obwohl Reden einen schlechten Ruf haben, für einige sogar als regelrechter Gähn-Garant gelten, bin ich ein großer Fan vom gesprochenen Wort. Ich liebe Geburtstagsreden, Jubiläums-Ansprachen, Trinksprüche und individuell formulierte Gratulationen. Warum? Meiner Meinung nach sind genau das die wenigen Momente des Innehaltens und des Wertschätzens, die im Alltag ansonsten viel zu kurz kommen! Doch viele haben Angst vor Wörtern als Geschenkidee. Sie befürchten, etwas falsch zu machen, meiden das öffentliche Exponiert-Sein, flüchten sich in Phrasen oder verstecken sich hinter Zitaten. Dabei ist es eigentlich gar nicht so schwierig, frische Worte zu finden.

Was soll ich  bei meiner Geburtstagsrede denn nur sagen?

Als Kölner Schreibberaterin und Rhetoriktrainerin bekam ich letztens eine Schnupperstunden-Anfrage zu einer Geburtstagsrede. Im Rahmen meiner Ausbildung hatte ich in den vergangenen Wochen schon einige Stunden nach den Methoden der nichtdirektiven Beratung durchgeführt. Mit den Ratsuchenden hatte ich über die unterschiedlichsten Textsorten gesprochen:  Ein Flyer war dabei, ein wissenschaftliches Exposé, Kurzgeschichten, die Landingpage einer Website und jetzt also eine Geburtstagsrede. Nice, dachte ich mir, Old School, das gefällt mir. Bereits „Wörter als Geschenk: Ein Hoch auf Geburtstagsreden!“ weiterlesen

Kreativität als Lebensstil: Mindset und Zutaten

Was gehört zu einem kreativen Lebensstil?
Was sind die Zutaten eines kreativen Lebensstils? (stockfoto@pexels.com)

Während ich mit der Bahn durch Köln ruckele, entdecke ich ein U-Bahn-Graffiti: „Kreativsein heißt, die Welt mit anderen Augen sehen.“ Hm, der Spruch gibt mir zu denken. Was ist Kreativität denn eigentlich, frage ich mich. Klar, Kreativsein hat mit Begabung zu tun, sie ist aber auch Handwerk. Laut Graffiti jedoch steckt noch eine Menge mehr dahinter. Und das stimmt. Es geht um etwas noch Grundsätzlicheres: Kreativität ist eine Einstellung, ein gewisser Lebensstil.

Die Zutaten eines kreativen Lebensstils

Ich fange an, ungeordnet Einfälle aufzuschreiben, mache eine Liste, welche Einstellungen und Haltungen zu einem kreativen Lebensstil gehören könnten.

Man nehme: „Kreativität als Lebensstil: Mindset und Zutaten“ weiterlesen