Kreativität als Lebensstil: Mindset und Zutaten

Was gehört zu einem kreativen Lebensstil?
Was sind die Zutaten eines kreativen Lebensstils? (stockfoto@pexels.com)

Während ich mit der Bahn durch Köln ruckele, entdecke ich ein U-Bahn-Graffiti: „Kreativsein heißt, die Welt mit anderen Augen sehen.“ Hm, der Spruch gibt mir zu denken. Was ist Kreativität denn eigentlich, frage ich mich. Klar, Kreativsein hat mit Begabung zu tun, sie ist aber auch Handwerk. Laut Graffiti jedoch steckt noch eine Menge mehr dahinter. Und das stimmt. Es geht um etwas noch Grundsätzlicheres: Kreativität ist eine Einstellung, ein gewisser Lebensstil.

Die Zutaten eines kreativen Lebensstils

Ich fange an, ungeordnet Einfälle aufzuschreiben, mache eine Liste, welche Einstellungen und Haltungen zu einem kreativen Lebensstil gehören könnten.

Man nehme:

  • Neugierde und Abenteuerlust, die Offenheit, sich überraschen zu lassen.
  • Risikofreude
  • Mut, sich auch für unangenehme Themen und Gefühle zu öffnen
  • Fantasie, um ein Problem, einen Mangel, irgendwie zu lösen
  • Selbstorganisation und Selbstdisziplin
  • Selbstvertrauen, um inneren und äußeren Kritikern standzuhalten
  • Frustrationstoleranz
  • rotzigen Pragmatismus, um sein Ding tatsächlich durchzuziehen
  • Empathie und Spiritualität, das Gefühl, dass alles zusammenhängt
  • Imagination: Die Welt hinter der Welt ahnen

 

 Fakten aus der Kreativitätsforschung  Konvergentes und divergentes Denkens

Zu Hause verfluche ich meine unleserliche Schrift. Und nicht nur die. Schon bei der Beschreibung, was Kreativität überhaupt ist, gerate ich ins Straucheln. Sie ist so wahnsinnig schwer zu greifen, hat sie doch so dermaßen viele unterschiedliche Facetten: Zeichnen, Tanzen, Schreiben, Musik machen oder Theater spielen u.v.a.m. Ich setze mich an meinen Computer und versuche, mehr Ordnung in meine Überlegungen zu bringen.

Dabei finde ich heraus, dass der Psychologe John P. Guilford in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts den Begriff „Kreativität“ als einer der Ersten genauer definiert, indem er zwischen dem Konzept des konvergenten und divergenten Denkens unterscheidet. Das Erste ordnet er der klassischen Intelligenz („schoolhouse giftedness“), das Zweite der Innovationskraft gekoppelt mit dem Aushalten von Ambiguitäten („creative productive giftedness“) zu.

Etwas später erfahre ich, dass Guilfords Polarisierung ebenso hilfreich wie strittig ist. Einer der wohl berühmtesten Forscher zum Thema Mihaly Csikszentmihalyi (schon der Versuch, seinen Namen auszusprechen, bedarf einer gehörigen Portion Kreativität ) bevorzugt einen systemischen Ansatz. Seiner Meinung nach muss bei der Definition auch die Rolle von Gesellschaft und Kultur miteinbezogen werden. Er beschäftigt sich dementsprechend sowohl mit der Fähigkeit zum selbstgesteuerten, entdeckenden Denken als auch mit dem Thema „Realitätsanpassung.“ Andere Forscher, wie z.B. K.A. Heller, untersuchen, inwieweit diese mutige, selbstständige Lernleistung in den Bildungsinstitutionen bewertet, sprich: gefördert oder blockiert wird.

Neben der eher akademisch angelegten Forschung beschäftigt sich neuerdings auch noch ein ganz anderer Vertreter mit dem Thema: Die Wirtschaft! Immer mehr große Unternehmen haben in den letzten Jahrzehnten das weite Feld der Kreativität für sich entdeckt. Das mag auf den ersten Blick verwundern, ist aber auf den zweiten Blick logisch. Innovationen, Verbesserungen, Veränderungen, neue Techniken und Produkte verhelfen zu einer guten Positionierung im internationalen Wettbewerb. Und klar, wer in einer der oberen Ligen mitspielen will, braucht zuverlässig neue bahnbrechende Ideen und Erfindungen. Das macht Sinn, bringt mich aber nicht so richtig weiter. Also zurück zur Ausgangsfrage: Was macht eine kreative Lebenseinstellung aus?

Das Klischee des verrückten Genies: Gibt es typisch kreative Charakterzüge?

Okay, gesellschaftlich gesehen hat Kreativität etwas mit Geld, Bildung, Wirtschaftsinteressen und Macht zu tun. Wie sieht es aber auf der persönlichen Ebene aus? Auf den ersten Blick bestätigt meine Recherche tatsächlich so etwas wie die Koexistenz von Wahnsinn und Genie, oder etwas weniger plakativ:  Gerade kreative Querdenker scheinen auch durchaus mit unangenehmen „Schattenseiten“ in ihrer Persönlichkeit geschlagen zu sein. Einer Studie von Jeffrey J. Walczyk zufolge lügen Kreative beispielsweise häufiger als weniger Kreative und seien bei ihren Mitmenschen oft weniger beliebt. Auch der Wissenschaftler Paul J. Silvia von der Universität North Carolina kommt zu einem ähnlichen Ergebnis und sieht durchaus eine Verbindung zwischen Kreativität und Exzentrik.

Naja, ich bin skeptisch, weiß nicht recht, ob etwas so Komplexes tatsächlich eindeutig belegt werden kann und beschließe, mich lieber Konkreterem zuzuwenden. Meine neue Leitfrage hat mit den Merkmalen kreativer Denkoperationen zu tun.

Wie funktioniert kreatives Denken?

Forschungsergebnisse, wie kreatives Denken genauer vonstattengeht, finde ich im Zusammenhang mit der psychometrischen Forschung. Hier werden die Charakteristika von Kreativem Denken nicht nur greifbarer, sondern sie tragen mitunter auch ausgesprochen poetische Namen. Lassen Sie sich bitte folgende Fachtermini auf der Zunge zergehen:

  • Problemsemibilität
  • Ideenflüssigkeit
  • Explorationsdrang
  • Kreativitätsbausteine, die umstrukturiert oder neu kombiniert werden

 

Fazit: Kreativität wird durch bestimmte kognitive und nicht-kognitive Persönlichkeitsmerkmale begünstigt

Kreativität und Komplexität hängen offensichtlich eng zusammen. Charakterlich sind kreative Menschen sowohl vielseitig als auch widersprüchlich, können flexibel und konvergent denken. Schrullige Außenseiter und Rebellen welcome.

Darüber hinaus sind Kreative neugierig, gehen spielerisch an Herausforderungen heran, haben eine schnelle Auffassungsgabe, können sich aber auch leicht verbeißen. Auf jeden Fall verfügen sie nicht selten über ein hohes Maß an Selbstdisziplin, sind somit oft eingefleischte „Dranbleiber.“

Meist macht sich ihre Ausdauer bezahlt, denn es gelingt ihnen in der Regel, sich etwas vorzustellen oder zu gestalten, was es so in der Realität bislang noch nicht gibt. Ihr wichtigstes Handwerkszeug ist die Improvisation und Imagination, einige sind allein erfolgreicher, andere in der Gruppe. Das lässt mich automatisch an das  U.S.Projekt vom kollektiven Romanschreiben denken: http://sigrun-dahmer.de/roman-schreiben-anfangen-1-stift-1-traum-30-tage-zeit/

Freizeit macht kreativ

Erinnern Sie sich noch an den Anfang meiner Überlegungen zum kreativen Lebensstil? Ich habe erzählt, dass mir die ersten Ideen zur Kreativität während einer Zugfahrt eingefallen sind. Und das scheint kein Zufall zu sein.  Ratgeber zum Thema Kreativitätstechniken vertreten ziemlich einstimmig die Überzeugung, dass der Schreibtisch einer der denkbar unkreativsten Orte überhaupt wäre. Viel besser sei es, hinaus in die Natur zu gehen, um durch einen Umgebungswechsel auf neue Gedanken zu kommen. So behauptet auch der Schweizer Psychiater und Kreativitätsforscher Gottlieb Guntern, dass Entspannung und Zerstreuung das Substrat sind, auf dem kreative Gedanken aufblühen.  Er sieht Mußezeiten somit als eine wichtige Zutat für einen kreativen Lebensstil an. Ein spannendes Argument zum Thema work-life-balance.

Eine Woche mit vielen Freiräumen, Entspannung, Natur, Träumen, neuen Ideen,  Originalität …

Also, Ringo, deine musikalische Einladung von früher nehmen wir gerne an: Lass uns ein Treffen in Octopussy`s Garten unter dem Meer vereinbaren …

 

Tipp zum Weiterlesen:

www.spektrum.de/lexikon/psychologie/kreativitaet/8300

In dem sehr lesenswerten Essay von Kurt A. Heller finden Sie noch mehr detaillierte Hintergrundinformationen.

Wer sich für das Thema Improvisation interessiert, findet in meinem Blog  noch mehr dazu:

http://sigrun-dahmer.de/schlagfertigkeit-trainieren-und-improtheater/

 

 

 

 

 

 

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