Thriller schreiben: „President is missing“ als Rezept

Spannend schreiben kann man Lernen. Von Krimi-Profis. Clinton und Pettersons Thriller "president is missing." Spannend schreiben: wie geht das? Ein Bestseller als Rezeptvorlage.


Sommerferien, endlich. Köln ist leer. In der Hitze schleppe ich mich zur Niehler Bucht, lege mich auf den Sandstrand und tauche für die nächsten Stunden in den Bestseller „The president is missing“ ab. Chapeau: Bill Clinton & James Patterson haben da einen echten Pageturner zu Papier gebracht. Schon nach dem ersten Kapitel habe ich vergessen, dass ich dringend Sonnencreme auftragen müsste und das, obwohl ich, ehrlich gesagt, gar nicht so irre auf Spionagethriller stehe. Noch weniger mag ich es, die Welt ein wenig altbacken erklärt zu bekommen. Dennoch. Fakt ist: Ich kann ich das Buch nicht aus den Händen legen. Es ist einfach verdammt mitreißend geschrieben. Woran liegt`s? Was sind die Zutaten spannender Schreibe? Oder anders gefragt: Was ist schuld an meinem Sonnenbrand?

 

Zutat eins: Kurze Kapitel — hoher Aufforderungscharakter

Einfach und effektiv. Schon beim Durchblättern lädt der Bestseller durch die augengerechten kurzen Kapitel, im Schnitt zwischen 3-4 Seiten lang, zum Lesen ein. Diese Häppchen-Technik verfügt über einen hohen Aufforderungscharakter . Doch das ist nicht alles. Jedes Kapitel folgt zudem einer weiteren nicht ganz so offensichtlichen Rezeptvorgabe. Am Anfang zieht eine spannungsgeladene Actionszene den Lesenden in die Handlung hinein, im Hauptteil wird er oder sie mit Hintergrundfakten gefüttert und am Ende verhindert ein Cliffhanger das Weglegen des Buchs.

Zutat zwei: Ich-Perspektive

Der Hauptplot wird in der ersten Person Singular erzählt. Der Präsident, Jonathan Duncan, spricht in der „Ich-Perspektive“ zu uns Lesern. Dadurch wird eine große emotionale Nähe geschaffen. Wir erfahren unmittelbar, wie es ihm körperlich geht, was er denkt und welche Gefühle ihn bewegen. Keine Frage, Jonathan ist ein Sympathieträger, jemand, mit dem wir uns gerne identifizieren, schließlich ist er sorgsam nach allen Regeln der Schriftsteller-Kunst konzipiert worden: Er ist umgänglich, geistig agiler als die anderen Figuren, ein loyaler Mann, der weiß, was er will und der selbstbewusst für seine Werte eintritt, auch wenn ihn ein eisiger Gegenwind umzuwehen droht.

Doch wie jeder gute Held besitzt auch Mr President eine Achillesferse: Er hat ein körperliches Problem, leidet unter einer Bluterkrankung, deren Symptome proportional zur spannenden Handlung immer schlimmer werden. Außerdem trauert er noch immer um seine verstorbene Frau Rachel. Backstory nennen das die Experten. Ein ziemlich raffinierter Kniff, denn durch die Geschehnisse in der Vergangenheit, die das Verhalten des Protagonisten auch in der Gegenwart noch immer prägen, gewinnt die Hauptfigur an Komplexität und Glaubwürdigkeit.

Zutat drei: spannend schreiben  = viele Konflikte

Oje, der arme Präsident. Schon ganz am Anfang wird er angegriffen, muss sich gegen die feindselige Welt (personifiziert durch Speaker Lester Rhodes) behaupten, die ihn vorschnell verurteilt, weil sie nicht weiß, was er weiß und was er von Amts wegen natürlich auch nicht publik machen darf. Ein schöner innerer Konflikt, der gleich auch noch mit einem äußeren gepaart wird: Der Präsident muss, wer hätte das gedacht, nicht nur die USA, sondern die ganze Welt vor einem spektakulären Cyberangriff retten. Und seine Helfer?

Ja, die gibt es natürlich auch. Der Präsident und sechs Vertraute, die Einzigen, die das Codewort kennen. Doch unter ihnen befindet sich ein Verräter … Handwerklich solide Plot-Entwicklung, von Kapitel zu Kapitel steigt die Spannung, zwischendurch demontieren geschickt gesetzte plot-points, unerwartete Handlungswendungen, die Erwartungen der Leser. Okay, ich höre schon auf, kein Spoileralarm. Ich will nicht zu viel vorwegnehmen.

Zutat vier: Guter Mix aus Ausschmücken und Weglassen

Das Setting des Bestsellers, Oval Office, White House, überzeugt auf Anhieb. Kein Wunder: Patterson saß dank seines Co-Autoren Clinton direkt an der Quelle. Aber nicht nur dieser Strang wirkt gut recherchiert. Auch die Darstellung der Cyberfreaks erscheint authentisch und das hat mich noch mehr für das Buch eingenommen.

Es ist schon schwierig genug, interessant über etwas zu schreiben, das man gut kennt. Die Gefahr, über Vertrautes viel zu ausschweifend und somit langweilig zu erzählen, ist ausgesprochen groß. Meiner Ansicht nach umgeht das Autorenduo diesen Fallstrick souverän. Ich erfahre als Leserin die nötigen politischen Hintergründe, gleichzeitig bleibt mir überflüssiges Fachgesimpel erspart.

Doch eine noch größere erzählerische Herausforderung besteht darin, das Gefühl von Expertise in einem Bereich zu erwecken, in dem man nicht so zu Hause ist. Das ist ein noch anspruchsvolleres Anliegen als über etwas zu schreiben, das man ausnehmend gut kennt. Denn hier ist das Risiko gegeben, seine Defizite entweder mit allzu viel Fachchinesisch kompensieren zu wollen oder sich zu wenig zu informieren, sodass man unfreiwillig sachlich falsche Informationen verbreitet. Clinton und Patterson machen es für meinen Geschmack genau richtig: Sie setzen bei der Beschreibung der Computerexperten Nina und Augie einige gut recherchierte stimmungsvolle Details und ansonsten beschränken sie sich auf Beschreibungen, die tatsächlich eine Funktion für den Handlungsverlauf haben.

Zutat fünf: Auf engstem Raum gegen die Zeit

Konzentration auf das Wichtigste, dieser Grundsatz wird auch in Hinsicht auf die Komponenten Ort und Zeit eingehalten. Die Zahl der Schauplätze bleibt überschaubar. Der US-amerikanische Präsident reist nicht in der Welt herum, sondern zitiert die internationale Führungsriege in ein Blockhaus nach Virginia. Dort kommt es dann zu dem finalen Shoot-Out. Ebenso räumlich wie zeitlich wird es im Finale dabei immer enger. Die Kern-Handlung spielt sich innerhalb von drei Tagen ab, in den letzten Kapiteln tickt die Uhr nicht mehr nur im Stunden-, sondern, wie es sich für einen spannungsgeladenen Thriller gehört, letztlich im Sekundentakt.

Zutat sechs: Mehrere Handlungsstränge (A, B, C-Plot)

Aufhören, wenn`s am spannendsten ist. Klar, das ist das Prinzip eines Cliffhangers, aber wie setzt man das in einem fast fünfhundert-seitigen Unterhaltungsroman um, ohne dass dieses Kompositionsprinzip zu aufdringlich und irgendwann schon unfreiwillig komisch wirkt? Durch das geschickte Management verschiedener Handlungsstränge! Wie im Kino schwenkt die Kamera am Ende eines Kapitels auf einen anderen Schauplatz oder auf eine andere Figur. Der Lesende wird aus der einen Handlung herausgerissen, landet dafür in media res in der nächsten.

Gegen Ende des Buchs verdichten sich dann alle drei Stränge, um letztendlich miteinander verflochten in der einen großen Haupthandlung zu münden. A-Plot ist der Ich-Erzähler, der Präsident, dann auf einmal befinden wir uns im B-Plot, in dem Kopf von Bach, einer attraktiven Scharfschützin, deren Weltsicht uns durch die personale Erzählerperspektive vermittelt wird. Außerdem gibt es noch den C-Plot, den Handlungsstrang, in dem es um die zwielichtige Vizepräsidentin Katherine Brandt geht.

Zutat sieben: Spannend schreiben — Action und Dialoge

Die allen Kapitel übergeordnete „Outline“ des Thrillers ist handwerklich souverän, komplex und sachlogisch stringent geplottet. Darüber hinaus trägt aber auch die Inszenierung der einzelnen Szenen auf der Mikroebene zu dem insgesamt vorherrschenden rasanten Tempo mit bei. Viele aufregende (Kampf-)Szenen werden körperlich ausagiert, zielen auf unseren Adrenalinpegel und sind somit direkt nachvollziehbar. Doch auch in der Dialogführung wird auf überflüssigen Schnickschnack verzichtet. Die Repliken sind kurz und die Redner kommen schnell zum Punkt, wobei sich das Autorenduo erfreulicherweise an einigen Stellen dann manchmal doch die Zeit nimmt, mit Pausen zu spielen und Doppeldeutigkeiten in der Luft hängen zu lassen.

Autorencoaching: Spannend schreiben  — Von den Profis lernen

Der Thriller hält, was er verspricht und bietet gut gemachte, spannende Unterhaltung. Quick and dirty. Also, vielen Dank an Clinton & Patterson für den kurzatmigen, nervenaufreibenden Lesegenuss.

Wenn Sie selbst schreiben, Autor oder Autorin sind, und sich auf dem Gebiet Krimi und Thriller profilieren wollen, dann empfehle ich Ihnen das Buch wärmstens. Wer es liest, wird  im Sinne eines Autorencoachings davon profitieren, die Tricks of the trade meisterlich vorgeführt zu bekommen. Es würde mich nicht wundern, wenn es Ihnen nach der Lektüre in den Fingern juckt und Sie selbst den Stift (oder die Tastatur) zücken …

Gefahren und Nebenwirkungen

Noch ein letzter Tipp: Vergessen Sie das Einkremen nicht, bevor Sie den Bestseller aus dem Strandkorb fischen! Meine rote Schulter brennt noch immer.

Wer sich für das Thema ein Buch schreiben interessiert, findet auf meinem Blog noch mehr dazu:

http://sigrun-dahmer.de/roman-schreiben-anfangen-1-stift-1-traum-30-tage-zeit/

 

 

 

 

 

 

 

 

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