Schlagfertigkeit trainieren und Improtheater

Improvisation trainiert Schlagfertigkeit
Schlagfertigkeit trainieren: Es geht auch anders, aber so geht es auch. (stockphoto www.pexels.com)

 

Präsenz oder Nicht-Präsenz, das ist hier die Frage. Sie ahnen es schon: Diesmal geht es um die Welt des Theaters. Unterwegs in Sachen Rhetorik nahm ich im Herbst an einem Improtheater-Workshop teil. Was ich gelernt habe ist, dass Schlagfertigkeit trainieren viel mit der inneren Einstellung zu tun hat. Glücklich der Redner und die Rednerin, die offen für Neues sind, spielerisch annehmen, was kommt ohne dabei ihr eigenes „standing“ zu verlieren. Und wenn gar nichts mehr geht, dann hilft immer noch der Griff in die rhetorische Trickkiste…

Kaffeepause. Ich schaute auf die Uhr. In den letzten 90 Minuten war ich nicht eine Sekunde zum Nachdenken gekommen, dazu hatte mich das rasante Programm zu sehr auf Trab gehalten. Mein Eindruck: Improtheater macht riesig Spaß, ist aber zugleich deutlich anspruchsvoller als erwartet. Doch zurück zum Anfang: Der Workshop begann ganz entspannt. Nachdem allmählich die TeilnehmerInnen eingetrudelt waren, gab es zwei drei harmlose Warm-Up Übungen zum gegenseitigen Kennenlernen. Doch bereits eine gute halbe Stunde später ging es ans Eingemachte.  Unsere Trainerin teilte die Gruppe in Zweierteams auf und bat uns, durch den Raum zu spazieren und dabei eine Geschichte zu erfinden. Kein Problem, dachte ich naiv, mit story-telling kenne ich mich aus.

Von wegen! Bei der Umsetzung der scheinbar leichten Übung kam ich erschreckend schnell ins Schwitzen. Der Haken an der Sache ist nämlich, dass man nach der Wort-für-Wort-Methode vorgehen sollte: Das heißt, dass jeder Partner immer abwechselnd ein Wort beisteuern durfte, um eine komplette Geschichte aus grammatisch richtig gebauten Sätzen entstehen zu lassen. Offensichtlich ist diese Aufgabe ein Klassiker, denn einer meiner Mitstreiter informierte mich im Vorbeigehen mit verschwörerischer Flüsterstimme, dass das Verfahren von Keith Johnstone, dem Urvater des Improtheaters, stamme. „Danke“, tuschelte ich zurück, obwohl mir dieses Wissen in diesem Moment nicht im Geringsten weiterhalf.

Dabei hatte ich eine so tolle Idee…

Das Heimtückische an der Übung ist nämlich, dass man sich selbst eine wunderbar witzige und originelle Storyline überlegt und komplett verdrängt, dass der Partner ebenfalls an seinem Feuerwerk toller neuer Impulse bastelt und einem beim Weiterspinnen des roten Fadens dementsprechend andauernd dazwischen grätscht. Die Kunst besteht nun darin, dieses Verhalten nicht als Angriff zu werten, sondern aus dem Gegenläufigen etwas Neues zu kreieren.

Die Aufgaben in den Folgestunden waren ähnlich aufgebaut und variierten das Thema. Ein fantastisches Training, bei dem es immer wieder darum ging, uns schnell in unerwartete Situationen hineinzudenken und schlagfertig und humorvoll auf sie zu reagieren. Im Prinzip also um genau die Fähigkeit, die ein Redner benötigt, um mit dem Publikum in einen lebendigen Kontakt zu treten. Und damit bin ich auch schon beim Thema Rhetorik gelandet.

Das Horrorkabinett des Redners: Lampenfieber, Fangfragen und Killerphrasen

Viele RednerInnen leiden unter Lampenfieber. Dahinter verbirgt sich oft das Unbehagen über die Unberechenbarkeit der Situation. Was, wenn im Publikum ein Zuhörer sitzt, der provokative Fangfragen stellt und sich darüber hinaus als Meister der so gefürchteten „Killer Phrases“ (à la „Das hatten wir schon mal. Ist doch alles Unsinn!“) darstellt? Der Trick besteht wie beim Improtheater darin, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Eine von verschiedenen Handlungsmöglichkeiten ist, die Situation durch aktive Umdeutung für sich nutzbar zu machen. Auch hier gilt die goldene Impro-Regel:  Nehmen Sie an, was sich Ihnen bietet und versuchen Sie dabei zumindest äußerlich entspannt zu wirken. Mit einer guten Vorbereitung und einigen Rhetorikkniffs können Sie auch in schwierigen Situationen souverän agieren, indem sie die negative Energie der Kommentare umlenken.

Schlagfertigkeit trainieren: Keine Antwort schuldig bleiben

Wichtig ist dabei, dass Sie sich nicht zum passiven Zuhörer degradieren lassen, sondern das Geschehen weiterhin aktiv steuern. Wenn Sie zum Beispiel den Ball mit der Gegenfrage „wie meinen Sie das genau?“ zurückspielen, lenken Sie die Aufmerksamkeit von sich ab und gewinnen Zeit zum Nachdenken. Eine andere Möglichkeit besteht darin, nur einen Teilaspekt des Kommentars aufzugreifen und dem zuzustimmen, sodass die allgemeine positive Gesprächsatmosphäre weiterhin gewahrt bleibt. Im Anschluss daran stellen Sie Ihre eigene Position unaufgeregt dar: „Ja, ich habe auch schon davon gehört. Ein interessanter neuer Ansatz. Ich selbst habe allerdings auch überaus gute Erfahrungen mit der herkömmlichen Methode gemacht.“

The show must go on

Egal, um welches Thema es geht und wie genau der Zuschauerkommentar lautet, das Entscheidende bei der Rede oder während einer Präsentation ist, dass Sie nicht in Schockstarre verfallen, sondern flexibel reagieren und zum Konzept zurückfinden. Bleiben Sie verbal und nonverbal offen und präsent ohne sich die Führungsrolle aus der Hand nehmen zu lassen. Wer weiß, vielleicht hebt die unerwartete Zuschauerbemerkung den Dialog sogar auf eine neue, bessere Ebene. Im Prinzip ist die Maxime in so einer Redesituation dieselbe wie beim Improtheater: Lockerbleiben … the show must go on!

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