Freiwilliges Soziales Jahr: Verständigung in Indien

Freiwilliges Soziales Jahr in Indien: mitten drin
FSJ in Indien: Alltag erleben (Foto: Karsten Geisler)

Ein Freiwilliges Soziales Jahr in Indien ist ein Abenteuer, eine tolle Möglichkeit für interkulturelles Lernen, aber vor allem auch eine Herausforderung, die viele Fragen aufwirft: Wie verständigt man sich in einer Kultur, deren Sprech- und Denkweise uns alles andere als vertraut ist? Meine Interviewpartnerin Julia ist gerade erst frisch aus Pondicherry nach Deutschland zurückgekehrt.

Stelle dich doch bitte kurz vor.

Hi, mein Name ist Julia, ich bin neunzehn und habe ein Jahr in Südindien, in Tamil Nadu, gelebt und dort in verschiedenen sozialen Projekten gearbeitet.

Was waren das für Projekte?

In meinem ersten Projekt habe ich mit drei indischen Lehrerinnen zusammengewohnt und in   einer Privatschule unterrichtet. Bei meinem zweiten Projekt habe ich in einem Selbstverpfleger-Dorf, in dem Menschen mit und ohne Behinderungen zusammengelebt haben, mitgearbeitet. In meinem dritten und letzten Projekt habe ich mich für eine NGO, eine Nichtregierungsorganisation, die sich u.a. für Frauen einsetzt, engagiert. Während meiner Zeit im community development project habe ich in einer indischen Gastfamilie gelebt.

Wie hast du dich mit deinen Kollegen, der Gastfamilie und im Alltag auf der Straße verständigt?

Ganz unterschiedlich. In meiner Gastfamilie und mit meinen Kollegen habe ich in der Regel Englisch gesprochen, mit den village people auf dem Land eher in der Regionalsprache Tamil.

War das nicht unglaublich schwierig, Tamil zu verstehen?

Ich habe mich mit der Zeit eingehört, wichtige Wörter wiedererkannt und die Bedeutung von speziellen Handzeichen gelernt. Außerdem haben wir oft in einem Mix aus verschiedenen Sprachen gesprochen. In meiner Gastfamilie habe ich mich zum Beispiel gerne mit meiner Gastgroßmutter, meiner partie, unterhalten. Das war lustig: Ich sprach deutsch, sie Tamil. Mit Gesten und einigen Schlüsselwörtern klappte das recht gut. Und wenn es gar nicht weiterging, hat eine meiner Gastschwestern für uns übersetzt.

Welche Rolle spielt Englisch in Indien?

Soweit ich weiß werden in der Schule mehrere Sprachen unterrichtet: die lokale Regionalsprache und gleichzeitig Hindi und Englisch als Verkehrssprache. Da es in Indien unglaublich viele Regionalsprachen gibt, könnten sich Inder aus unterschiedlichen Orten ohne Hindi oder Englisch sonst gar nicht verständigen. Doch es geht nicht nur um das praktische Funktionieren. Das Ganze hat auch eine emotionale Seite. Viele Tamilen sind sehr stolz auf ihre Sprache und unterhalten sich untereinander fast ausschließlich auf Tamil. Aber in den großen Städten sprechen Jugendliche lieber Englisch miteinander, da das moderner ist und vielleicht auch, weil es ein höheres Prestige hat.

Das indische Englisch ist aber anders als unser Schul-Englisch …

Oh ja! Besonders, was die Aussprache und den Satzbau angeht. Beides scheint mir an indische Sprachmuster angelehnt zu sein. Insgesamt ist mein Eindruck, dass das Standard English, das in Indien gesprochen wird, formeller und respektvoller als unser Schulenglisch ist. Man spricht jemanden höflicherweise meist mit „Sir“ oder „Madam“ an. Und, wenn zum Beispiel einem Vorschlag zugestimmt wird, dann sagen die Inder nicht „okay“ oder so etwas, sondern benutzen eher einen formelleren Ausdruck wie „confirmed“.

Gab es viele Verständigungsprobleme?

Sehr viele! Vor allen Dingen auch bei der Körpersprache. Bei uns in Deutschland ist etwa das Kopfschütteln negativ gemeint. Wenn Inder den Kopf hin- und herwiegen bedeutet das aber eher etwas Positives, so viel wie: „Ja, ich höre dir zu.“ Überhaupt gilt ein direktes „nein“ als sehr unhöflich. Fragst du jemanden nach dem Weg, gibt er dir immer eine Antwort, einfach nur um hilfsbereit zu sein.

Wie geht man denn mit solch einer Auskunft um?

Wir haben meist gleich mehrere Passanten gefragt und sind in die Richtung gegangen, in die die meisten gezeigt haben. Jedenfalls sind diese indirekten Umgangsformen für uns Deutsche nicht immer ganz einfach. Es ist schwierig, konkrete, zuverlässige Vereinbarungen zu treffen. Am meisten Erfolg hatte ich mit der Strategie, etwas nur anzudeuten und zu warten bis mein Gegenüber dann von selbst das Gewünschte vorgeschlagen hat.

Hättest du zum Schluss noch ein paar Verständigungstipps für Reisende?

Die Handzeichen helfen einem wirklich sehr. Vor allem dieses hier …

(Julia dreht die flache Hand ein paar Mal hintereinander hin und her).

Das bedeutet: „nein“ und ist sehr nützlich, wenn Reisende von Händlern oder Rikscha-Fahrern bedrängt werden. Überhaupt erreichst du auf Märkten mit kurzen Fragen wie „lemon – what price?“ mehr als mit langen, komplizierten Formulierungen. Naja, und dann ist Handeln angesagt. Das gehört einfach mit dazu, wenn man auf dem Markt einkaufen geht.

Danke fürs Interview.

 

 

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